Erfahrungsbericht - Florian Streuter

24.10.2016


Das Krähen des Hahnes erschallt zu früher Stunde irgendwo hinter unserem Haus auf dem Gelände des Holy Family Mission Hospitals. Während die afrikanischen Sonne bereits hinter dem gewaltigen Mulanje Massiv in den Himmel klettert und die kühle Luft der Nacht der schwellenden Hitze des Tages weicht, versuche ich möglichst elegant und ohne schwerwiegende Selbstverletzungen unter meinem Moskitonetz hervorzukriechen und in meinen blauen Kasack zu schlüpfen.
Das Röcheln des Wasserhahns deutet mir an, was der prüfende Blick auf das erloschene Lämpchen meines Akkuladegeräts bestätigt und so wasche ich mich schmunzelnd im am Vorabend gefüllten Reservewasserbottich. Da ist es wieder, dieses seltsame Gefühl der Leichtigkeit und der Ursprünglichkeit, welches mich so häufig während meines Aufenthaltes hier in Malawi durchströmt. Ein absolutes Luxusgefühl von jemandem, der mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten aufgewachsen ist und weichgespült wurde. Das Leben in Malawi hingegen wäscht nicht mit Perwoll, sondern mit klarem, kalten Wasser: Man wird zwar nicht wirklich sauber, aber fühlt sich lebendig!
Auf dem kurzen Stück zum Krankenhaus läuft man auf dem ockerfarbenen Sand, der das ganze Land zu bedecken scheint. Selbst die Häuser sind ocker, gebrannte Ziegel aus eben jenem Lehmboden. Es ist Trockenzeit und im Laufe des Tages wird auch der Himmel ein Abbild des Bodens, vor allem, wenn man die Umgebung von der Ladefläche eines alten Toyota Pick-ups beobachtet: Ein Gefühl von Grenzenlosigkeit wie aus einem Road-Movie, mit dem Unterschied des wirklichen Erlebens! Was wirklich ist und was traumartiges Erleben, fällt auch im Krankenhausalltag nicht immer leicht zu unterscheiden, vor allem dort, wo die therapeutischen und diagnostischen Möglichkeiten nicht gegeben sind, die wir in Deutschland immer schnell zur Hand haben. Natürlich hat man vor einer solchen Reise gewisse Erwartungen und ist sich vielleicht auch bewusst, dass Malawi zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Sicher hat man auch schon Berichte oder Filme über die Verhältnisse medizinischer Versorgung in den sogenannten Entwicklungsländern gesehen, doch die eigene Erfahrung zeichnet doch häufig ein etwas anderes Bild.
So durfte ich sehr viele positive Eindrücke sammeln: Ich war überrascht über das Spektrum an medikamentöser Versorgung, vor allem bei der Therapie von HIV und Tuberkulose. Die vor Ort tätigen „Clinicians“ waren in ihrem Können gut auf die in Malawi häufigen Krankheitsbilder ausgebildet und teilten ihr Wissen und ihre Erfahrungen gerne mit mir. Man konnte Ihnen zur Hand gehen wo man wollte, ob es nun im OP bei einer Laparotomie oder einem Kaiserschnitt, oder auf der Station bei der täglichen „Ward Round“ war. Kleinere operative Eingriffe durfte man unter Aufsicht selbst durchführen, wie zum Beispiel das spalten von Abszessen, die vor Ort eine nicht zu verachtende Größe erreichen konnten. Auch an die wöchentlichen Ausflüge zu Präventionszwecken mit der „outreach clinic“ in die umliegenden Dörfer, bei denen Kleinkinder und Mütter geimpft und Schwangere untersucht wurden, denke ich sehr gerne zurück und sie gehören mit zu den eindrücklichsten Erlebnissen. Da man sich frei über die Stationen bewegen konnte und überall mit der freundlichen und aufgeschlossenen Art der Malawier aufgenommen wurde, war das Ankommen nicht schwer und schnell fühlte man sich zu Hause. Nachdem eine gewisse Zeit verstrichen war, man sich „eingewöhnt“ hatte und sich der Nebel der neuartigen Eindrücke zu lichten begann, traten jedoch auch die Dinge in den Vordergrund, die einen nachdenklich und manchmal traurig machten. Nicht immer ist es nur der Mangel an medizinischer Ausrüstung, sondern häufig fehlt es auch an theoretische Wissen und einer guten Anleitung zur Behandlung von nicht Blickdiagnosen.
Die hochgelobte klinische Untersuchung, sowie eine detaillierte Anamnese kommt nicht selten zu kurz und häufig bleiben wegweisende Symptome für eine adäquate Therapie im Dunkeln verborgen. Auch der Umgang mit Leben und Tod ist ein anderer und für einen Außenstehenden nicht immer leicht zu begreifen. Trotzdem ist es eine logische, wenn auch traurige Tatsache, dass in einem Land mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 55 Jahren, die Erkrankungen an theoretisch behandelbare Infektionskrankheiten in allen Altersgruppen ihr Opfer fordern. Keineswegs möchte ich an dieser Stelle Vorwürfe formulieren, viel eher bin ich unermesslich dankbar für jeden Moment, die guten und vor allem die denkwürdigen, die ich in Malawi erleben durfte. Für die Aussichten und Orte, die ich genießen durfte und die Begegnungen und Freundschaften, die ich schließen konnte!
Etwas sollte in keinem Erfahrungsbericht über Malawi unerwähnt bleiben und das sind die Menschen, die dieses Land zu einem ganz besonderen machen. Ich habe selten eine solche Offenherzigkeit und Aufrichtigkeit erlebt.
Die Kunst sich selbst nicht so ernst zu nehmen und das Lächeln sind ständiger Begleiter und Bote einer Lebensfreude, die ihresgleichen auf der Welt sucht! Ein Reichtum der von den heutigen Statistiken nicht erfasst wird und den wir häufig zu vergessen neigen in unserer Welt des Überflusses...
Abends taucht die Sonne die Welt in ein rotes Licht. Alles hier scheint dann rot zu sein der Boden, die Bäume, die Berge und Häuser, der Acker vor dem Krankenhaus und der Sand an den Füßen, die müden Augen eines bewegten Tages. Am Horizont geht eine schwarze Gestalt im Gegenlicht, ein schreiendes Bündel auf dem Rücken und ein Gefäß auf dem Kopf, ihres Weges. In diesem Moment hört man es sehr deutlich, das zunächst leise aber beständig zunehmende Pochen. Pulsierend verteilt es seine Wärme und durchdringt Stück für Stück jede Pore und jeden Stein. Langsam heben sich meine Mundwinkel zu einem Lächeln, denn ich merke ich bin kurz davor mich an etwas zu erinnern... im warmen Herzen Afrikas.


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