Interview mit einem Visionär

26.04.2017


Vor einiger Zeit bekamen wir eine interessante Mail von Stefan Reuber, der 1961 für drei Jahre nach Malawi ging und das "Holy Family Mission Hospital" mit aufbaute. Nun haben wir es endlich geschafft uns mit ihm zu treffen und ihm einige Fragen zu stellen. Vielen Dank Britta für das Interview.

An einem kalten Dienstag im April treffe ich mich mit Stefan Reuber. Vor einigen Monaten haben wir eine interessante E-Mail von ihm erhalten. Darin steht, dass er in den 60er Jahren selbst in Malawi, genauer in Phalombe und Muona, tätig war und dort beim Bau des Holy Family Mission Hospital geholfen hat. Beim Surfen im Internet ist er auf unsere Homepage gestoßen - und hat uns direkt kontaktiert. Das hat uns natürlich neugierig gemacht und so beschlossen wir, uns persönlich mit ihm zu treffen. So sitze ich also zusammen mit dem 82-Jährigen und seiner Ehefrau Rita bei Kaffee und Kuchen in ihrem Wohnzimmer in Drolshagen im Sauerland und unterhalte mich mit ihnen über das „alte“ und das „neue“ Malawi. Herrn Reuber interessiert vor allem, was es Neues gibt und wie das Krankenhaus heute läuft, ich möchte vor allem wissen, wie es damals so war.

B: Herr Reuber, was genau haben Sie eigentlich in Malawi gemacht?
R: Ich habe beim Aufbau des Krankenhauses geholfen. Geschweißt, gelötet, gestrichen, geputzt, Ziegelsteine gebrannt, Dach gedeckt, eben alles was anfiel.
B: Wann genau waren Sie da?
R: Von Januar 1961 bis Herbst 1964. Ich war nicht kontinuierlich in Phalombe, sondern auch mal ein paar Wochen in der Nähe von Blantyre oder im Süden, in Muona.
In diese Zeit fällt auch die Unabhängigkeit Malawis (06.07.1964), die Herr Reuber miterlebt hat, ein großes Ereignis für alle. Zur Feier nach Blantyre ist er gefahren, mit einem Anhänger voll Leute, die sich stehend darauf gequetscht haben, um mitzufeiern.
B: Was war Ihre Motivation, nach Malawi zu gehen?
R: Ich hatte den Eindruck, etwas mehr tun zu müssen als nur eine Familie zu gründen und mich niederzulassen. Ich habe im „Feuerreiter“, der damaligen Kolping-Zeitung gelesen, dass die Organisation zur Entwicklungshilfe Unterstützer aus verschiedenen Berufen gesucht haben. Ich habe mich dann dort beworben. Wir sind in Köln-Deutz im Kolping-Haus für etwa ein halbes Jahr ausgebildet worden, konnten unser Wissen auch zum Beispiel im Bereich Landwirtschaft erweitern und sind für einige Zeit nach England gereist, um unser Englisch zu verbessern. Ein bisschen Abenteuerlust und Reiselust gehörte natürlich auch dazu. Kollegen, die - sag ich mal - „nur“ aus Großherzigkeit, also ohne Abenteuerlust, gefahren sind, haben es meist auch nicht lange ausgehalten.
B: Was waren damals die Hauptprobleme vor Ort?
R: Zunächst waren da natürlich die Sprachprobleme. Wo wir gearbeitet haben, sprach kaum jemand Englisch. Wir mussten uns also erst einmal die zwar schön klingende, aber schwere Sprache Chichewa aneignen. Da haben wir davon profitiert, dass wir mit den Einwohnern privat reden konnten und im Dorf in der Hütte zusammen gesessen haben. Dann war natürlich noch das Klima ganz anders, im ersten Jahr hat es 13 Monate nicht geregnet und dann auf einmal tagelang nur noch geschüttet.
B: Würden Sie aus heutiger Sicht etwas anders machen?
R: Nein, eigentlich nicht. Die Zeit dort hat mir sehr gut gefallen. Allerdings würde ich vielleicht mehr darauf achten, regelmäßig die Malariatabletten zu nehmen, um von dieser Krankheit verschont zu bleiben. Die Malaria tropica, die ich dort bekommen habe, war schon schlimm.
Stefan Reuber hat sich während seiner Zeit in Malawi mit Malaria angesteckt, was ihn auch zwei Jahre nach seiner Rückkehr immer wieder mit Fieberschüben ans Bett fesselte. Vermutlich bei der Wartung eines kleinen Staubeckens, das für die Wasserversorgung des Krankenhauses errichtet wurde, infizierte er sich auch mit Bilharziose, eine bis dahin in Deutschland nahezu unbekannte Krankheit. Das führte zu einem mehrwöchigen Aufenthalt in der Hamburger Tropenmedizin mit teilweise recht experimentellen Behandlungsmethoden. Auch der Biss eines tollwütigen Hundes und ein Motorradunfall waren weniger schöne Erfahrungen, die Herr Reuber machen musste.
B: Hat es Ihr Leben beeinflusst, dass Sie in Malawi waren?
R: Ja, im positiven Sinne. Ich nehme vieles gelassener und habe auch für vieles mehr Verständnis. Und ich habe festgestellt, dass sich Menschen in Extremsituation sehr unterschiedlich verhalten und man sie dann so kennenlernt, wie sie wirklich sind.
B: Wie waren die Zustände damals?
R: Die Menschen vor Ort waren alle sehr freundlich. Da waren holländische Schwestern, später kam eine Ärztin dazu. Die waren immer sehr nett und bemüht auch um uns Handwerker.
B: Gibt es etwas, was Sie den Freiwilligen, die jetzt fahren, auf den Weg geben würden?
R: Ich würde ihnen zumindest erst einmal eine gewisse Reife empfehlen, nicht zu früh gehen. Sie sollten schon ein bisschen ausgeglichen sein, eine Vorstellung vom Leben haben. Aber sonst muss es jeder selber erfahren und es wird auch jeder selber anders erfahren.

Stefan Reuber trifft sich heute immer noch ein Mal im Jahr mit Kollegen und deren Ehepartnern und einer Ordensschwester, die damals mit vor Ort waren. Dann gibt es eigentlich nur ein Thema: Malawi.
Das Ehepaar Reuber bedauert, dass sie es nicht geschafft haben, noch einmal nach Malawi zu reisen- vor allem, da Ehefrau Rita nie dort war und in den Sechzigern auf ihren damaligen Freund gewartet hat. Den Kontakt hielten sie ausschließlich über Briefe und Tonbänder, die sie sich gegenseitig geschickt haben.
Dass das Krankenhaus weiterhin besteht und es junge, engagierte Frauen und Männer gibt, die etwas verändern und verbessern wollen, freut Stefan Reuber seh. Er hat sich sehr gefreut, einige neue Fotos und Berichte aus Phalombe gesehen und gehört zu haben.


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