Erfahrungsbericht - Britta Manuel

November 11, 2016 | Britta Manuel


Frankfurt, 3. August 2016. Am Flughafen treffe ich auf meine Mitfamulanten Julian, Carlos und Rebecca. Ich habe jetzt schon vier Stunden Reise hinter mir und mindestens 24 Stunden stehen mir noch bevor. Trotzdem ist die Stimmung ausgelassen, schließlich geht es für uns alle das erste Mal nach Malawi! Begrüßt werde ich mit der Frage: ,,Heute schon deine Malarone genommen?“ Das war für mich das erste sichere Zeichen, vor zwei Tagen, das es nun bald losgeht. Nachdem unser riesiger Gepäckberg aufgegeben ist, schließlich hat jeder ein persönliches Gepäckstück dabei plus eine weitere Tasche voll mit Spendenmaterial, geht’s auch schon los. Wind nord-ost, Startbahn null-drei. Und schwupps sind wir über den Wolken in Richtung Malawi.
Doch wie so oft auf unserer Reise erfahren wir direkt am ersten Tag, bei unserer Ankunft am Flughafen Lilongwe, dass in Malawi nicht immer alles so klappt, wie wir es vorher minutiös durchgeplant haben. So erwartet uns anstatt dem Weiterflug Richtung Blantyre und unserer ersten Nacht im Holy Mission Family Hospital eine kaputte Maschine und eine Nacht im vier Sterne Hotel. Aber der verschobene Flug hat auch seine guten Seiten: So können wir am nächsten Morgen nach bequem durchschlafener Nacht den Blick bei Tageslicht aus dem Flugzeug werfen und auf dem Weg vom Flughafen Richtung Phalombe schon einen ersten Eindruck von der Landschaft rund um den Mount Mulanje erhaschen.
Die ersten Tage auf dem Krankenhausgelände gehen dann auch ganz entspannt los. Da Freitagnachmittag ist, ist niemand mehr in der Administration und den ersten Eindruck vom Krankenhaus sammeln wir auf einer eigenen kleinen Tour. Das Wochenende bleibt, um die nähere Umgebung ein wenig zu erkunden. Dabei helfen uns Manu & Co., die Kids von den Krankenhausangestellten, die momentan noch Ferien haben und viel Freude daran, den Azungu (Weißen) als Ortskundige vorauszueilen. So gewinnen wir weitere Eindrücke von den roten Böden, den Hügeln und dem Wald rund um das Krankenhaus, und ich fühle mich schon ein bisschen heimischer hier. Dabei hilft vor allem auch das wahnsinnig leckere Essen von Miss Molly, unserer bezaubernden Haushälterin, die uns tagsüber malawisch bekocht und den Haushalt rockt. Am Montag geht es dann aber endlich mit dem los, wofür wir eigentlich gekommen sind: Der Famulatur! Ethel Chimaliro, die Krankenhausmanagerin, Dr. Patrick, der Arzt im Krankenhaus, und Matron Sabina, die Oberschwester, heißen uns mit einem mwazuka bwanji? willkommen und geben uns einen offiziellen Rundgang durchs Holy Family Mission Hospital, dem District-Krankenhaus von Phalombe. So werden wir in den Wards, den Stationen, den Clinical Officers vorgestellt und direkt aufgeteilt. Ich beginne meine vier Wochen im Labour Ward, der Geburtenstation mit angeschlossener Versorgung der Neugeborenen und deren Mütter. Auf meiner ersten Visitenrunde lerne ich die Patientinnen kennen, sehe den Aufbau der Station und bin erst einmal wahnsinnig überfordert mit allem.
Am Nachmittag werden dann die Spenden überreicht, die dankend entgegengenommen werden. Am nächsten Tag fühle ich mich schon etwas wohler in der Station, ich weiß ungefähr, wie sie aufgebaut ist und wie der Tagesablauf ist. Nach dem Morning Report laufe ich also die Visite mit und untersuche und befrage auch schon einige Patientinnen mit ihren Babys mithilfe einer Krankenschwester, die für mich Chichewa ins Englische übersetzt. Am Nachmittag sehe ich dann meinen ersten Kaiserschnitt hier. Auch wenn der OP sich sehr von dem in Deutschland unterscheidet sehe ich, wie routiniert die Geburt abläuft. Im Laufe der Woche sehe ich einige Kaiserschnitte, lerne ohne technische Hilfe Herztöne des Fetus abzuhören und die Lage zu bestimmen und eine Schwangere zu untersuchen. Doch leider war nicht alles so positiv in dieser ersten Woche. Neben vielen erfolgreichen Geburten musste ich auch erleben, wie eines der Kinder gestorben ist. Dies lag einerseits an der noch immer problematischen Neugeborenenversorgung, als auch an mangelnden Mitteln, um zum Beispiel Frühgeborene adäquat zu versorgen. So ist es traurige Wirklichkeit, dass nicht wenige Neugeborene sterben, eine Realität, die für mich sehr schockierend war.
Davon konnte ich mich zum Glück ein wenig ablenken, weil wir am Wochenende zum Likubula Wasserfall fahren, einem wunderschönen Fleckchen Erde nicht weit von Phalombe entfernt und weiter zu einer Besichtigung einer der zahlreichen Teeplantagen rund um den Mount Mulanje. Meine zweite Woche verbringe ich im Pediatric Ward, der Kinderstation. Dort liegen viele Kinder mit Lungenentzündungen, Knochenbrüchen, Malaria und Verbrennungen. Eckson und Pananji, die beiden Clinical Officer dieser Station, erklären mir, dass die Verbrennungen vor allem dadurch entstehen, dass in den vielen Haushalten ohne Strom mit offenem Feuer gekocht und geheizt wird und die Kinder beim Spielen versehentlich einen Kessel heißen Wassers umstoßen oder ihre Kleidung Feuer fängt. Außerdem erzählen sie, dass in der Regenzeit, der ,,Malaria-Hochsaison“ die gesamte Station so voll mit Kindern sei, dass oftmals die Betten nicht ausreichen und einige kleine Patienten auf dem Boden schlafen müssen. Hier erfahre ich auch, dass zur Behandlung von bakteriellen Erkrankungen nur bis zu fünf Antibiotika vorhanden sind und selbst diese nicht immer im Krankenhaus verfügbar sind. Dass das Krankenhaus derzeit knapp bei Kasse ist, weil es schon seit zwei Monaten vom Staat kein Geld mehr bekommen hat, müssen wir erleben, als eine Patientin einen dringenden Notkaiserschnitt braucht, aber gerade einer der häufigen Stromausfälle ist und der Generator ohne Sprit dasteht.
Auch für die Diagnostik stehen nur grundlegende Geräte zur Verfügung. So besitzt das Krankenhaus ein Röntgengerät und zwei Ultraschallgeräte und eine Basisausstattung im Labor, weiterführende Diagnostik müsste in Blantyre oder in Lilongwe, die zum Beispiel die einzigen MRT und CT des Landes besitzen, durchgeführt werden. Bei unserem Wochenendausflug in den Lilongwe National Park, bei dem wir die Möglichkeit haben, viele wilde Tiere wie Elefanten, Nilpferde, Zebras, Affen und Büffel zu beobachten, stellen wir fest, dass für unsere Zeit im Krankenhaus schon Halbzeit ist. Die Zeit fliegt fast. Diese letzten zwei Wochen arbeite ich zusammen mit Carlos im Male und Female Ward. Dort liegen neben gynäkologischen Fällen vor allem Patienten mit Knochenbrüchen, Tuberkulose, Infektionskrankheiten und Tumoren. Mittlerweile habe ich realisiert, dass die gesamte Behandlung doch sehr eingeschränkt ist. So gibt es im gesamten Krankenhaus nur einen Arzt und die meiste Zeit übernehmen die Clinical Officer die Arbeit, die zwar oft viel Erfahrung mitbringen, aber in ihrer dreijährigen Ausbildung lernen, vor allem nach Algorithmen vorzugehen. Das hilft zwar den meisten der Patienten, aber eben leider nicht allen. So war es dann doch teilweise frustrierend festzustellen, dass bei etwas komplizierteren Fällen die Behandlung oft scheitert, teilweise wegen mangelnder Diagnostik, teilweise wegen fehlender Medikamente und Versorgung. Einzusehen, dass einigen dieser Patienten in Deutschland vermutlich leicht hätte geholfen werden können, war nicht immer leicht zu akzeptieren. Dennoch ist es auch faszinierend zu beobachten, wie dann doch so vielen Menschen geholfen werden kann mit diesen begrenzten Mitteln.
Um die Gesundheitsversorgung ein wenig besser zu verstehen besuchen wir während unseres Aufenthalts zum Beispiel das Health Center in Phalombe, von wo viele der Patienten zu uns geschickt wurden. Dieser Ort dient sozusagen zum ,,Sortieren“ der Patienten demnach, ob sie eine Krankenhausbehandlung benötigen oder ob einfachere Fälle auch ambulant versorgt werden können. Vom Holy Mission Family Hospital wiederum werden Patienten oftmals weiter nach Zomba, einem District-Krankenhaus etwa eine Stunde entfernt, geschickt, um zum Beispiel OPs durchführen zu lassen oder einige kompliziertere Fälle werden nach Blantyre ins Queens Hospital verlegt, da dies eines der größten Häuser des Landes ist. Nach diesen vier Wochen voller Eindrücke mit vielen Einblicken in das Krankenhausleben in Malawi fällt uns der Abschied von den Angestellten und dem Ort am Ende doch schwerer als erwartet.
Aber unsere Zeit in Malawi ist noch nicht um: Uns erwarten noch zwei Reisewochen in Malawi. In diesen zwei Wochen fahren wir in unserem gemieteten Krankenwagen einmal bis fast in den Norden und zurück, wobei wir es direkt am ersten Tag schaffen, uns auf den wenigen asphaltierten Straßen zu verfahren. Aber mittlerweile sind wir schon deutlich entspannter geworden, wenn es darum geht, dass etwas nicht auf Anhieb klappt. Auch diese Reise ist voller Eindrücke: So geht es vom südlichen Teil des Malawisees, Cape Mclear, am See entlang Richtung Norden, vorbei an Nkatha Bay zur Mushroom Farm bei Livingstonia, einem kleinen Paradies auf Erden. Alle Orte haben ihren eigenen kleinen Zauber und ich bin überwältigt von der Schönheit und den unterschiedlichen Landschaften, die wir sehen. Zurück gen Süden geht es über den Vwaza Wildlife Reserve, wo wir aus zwanzig Meter Entfernung Nilpferde, Büffel und Elefanten sehen, die wir fast anfassen können, und wieder am See entlang nach Blantyre. Dort geht unsere Reise am 17. September zu Ende, auch dieses Mal nicht ganz komlikationslos ;) Alles in allem waren es sechs wundervolle Wochen in Malawi, die vollgestopft waren mit Eindrücken, Faszination, wunderschönen Sonnenuntergängen, schockierenden Momenten, freundlichen Menschen, beeindruckenden Landschaften und vielem mehr. Eine Zeit, die ich so schnell nicht vergessen werde.